Im Wandel Orientierung geben


Keine Frage, die Lage ist alles andere als rosig. Auch 15 Jahre nach der Wiedervereinigung kämpft der Landkreis Werra-Meißner mit den Strukturschwächen, die ihm aus der deutsch-deutschen Teilung erwachsen sind. Hoffnungslos also das Unterfangen, dort erfolgreich ein Handwerksunternehmen führen zu wollen? Keineswegs, sagt Jürgen Germroth. Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft (KH) Werra-Meißner gehört zusammen mit seinen Mitarbeitern zu denen, die sich engagieren, damit Betriebe trotz aller Widrigkeiten erfolgreich wirtschaften können.

Die KH setzt zum Beispiel verstärkt auf den Einsatz neuer Kommunikationstechniken. Nicht nur dort gilt es für Germroth, sich veränderten Strukturen anzupassen. Er begreift den Wandel in Wirtschaft und Technik als „einen ständigen Fluss, einen ständigen Wechsel.“ Da sei es Aufgabe der KH, Klarheit und Orientierung zu schaffen, für die Betriebe wie auch für seine Mitarbeiter. Deshalb erarbeitet er mit seinem Team ein Qualitätsmanagement-Handbuch, möglich, dass eine Zertifizierung folgt.

Die Arbeit der KH ist selbstverständlich nicht nur von den hauptamtlichen Mitarbeitern getragen, sondern auch das Ehrenamt leistet seinen erheblichen Beitrag. Oftmals trifft man sich außer der Reihe, nimmt sich Zeit für strategische Überlegungen; legt den Kurs der Innungen und der KH fest.

550 Mitgliedsbetriebe betreut die Kreishandwerkerschaft. Dass die Kfz-Branche nicht im Werra-Meißner-Kreis organisiert ist, eine Altlast der Nachkriegszeit, bedauert Germroth, zählt für ihn doch die Nähe zu den Betrieben. Aber er kennt die Grundvoraussetzung jeglicher Organisationsreform. „Wir können nichts erzwingen, wenn, dann muss das freiwillig geschehen.“

Um die Belange der 11 Innungen und andere angeschlossene Organisationen, kümmern sich, neben dem Geschäftsführer, drei Vollzeit- und eine Teilzeitkraft. Hinzu kommen noch zwei Auszubildende, eine Bürokauffrau und ein Bürokaufmann. „Wir wollen Betriebe und Jugendliche nicht nur animieren, sondern gehen selber mit gutem Beispiel voran“, sagt der Geschäftsführer. Als er sein Amt übernahm, sei er angetreten, um ein Vorbild zu geben. Rund 50 jungen Menschen hat er in seinen mehr als 25 Dienstjahren den Start in den Beruf ermöglicht.

Kein Wunder also, dass die Nachwuchswerbung eine feste Größe in der Arbeit der KH ist. So wurden für Schüler Bewerbungsmappen erarbeitet, mit deren Hilfe die angehenden Auszubildenden Zusatzleistungen dokumentieren können. Für die Betriebe und Innungen gibt es Hilfestellungen bei Vorgesprächen und Eignungstest. Und natürlich akquiriert die KH auch aktiv Ausbildungsplätze.

All diese Aktivitäten starten jedes Frühjahr und werden seit langem von einer Lehrstellenbörse im Internet abgerundet. Selbstverständlich sind Kontakte zum Kreis, zu Schulen und der Arbeitsverwaltung. Kontakte, die die KH dazu nutzt, das Thema Ausbildung zu politisieren, um zum Beispiel auf den Zusammenhang von Auftragsvergabe oder Kaufentscheidung und Ausbildungsleistung hinzuweisen.

Dabei betont der Geschäftsführer, eine enge Zusammenarbeit mit den Ehrenamtsträgern, die unbedingt notwendig und gewollt ist.

Standort der Kreishandwerkerschaft ist Eschwege, Haus und Grundstück gehören dem Handwerk seit 1954. 1975 erfolgte die Fusion der Kreishandwerkerschaften Witzenhausen und Eschwege. Im Ergebnis verfügte die KH über zwei Geschäftsstellen, besaß neben dem Gebäude in Eschwege auch eins in Witzenhausen.

Die Gebietsreform ist für Germroth eine Frage der Generationen, also ein Thema von nachlassender Brisanz. Dennoch weiß er um die Befindlichkeiten, berücksichtigt sie. Beide Teilkreise sind gleichermaßen in der KH vertreten, Veranstaltungen finden im ganzen Kreis statt, „egal ob in Witzenhausen, Eschwege oder Hess. Lichtenau“. Die Mitarbeiter der Geschäftsstelle denken und handeln kreisweit. Altkreisgedanken sind nicht vorhanden.

Das Haus in Witzenhausen musste allerdings in den 90er Jahren wegen hoher Unterhaltungskosten verkauft werden, die Geschäftsstelle wurde geschlossen. „Eine Entscheidung, die wir uns nicht leicht gemacht haben“ sagt Germroth. Und die auch nur auf Grund der Entwicklung im IT-Bereich so fiel. Die modernen Kommunikationsmittel ermöglichen es der KH, den Betrieben ihre Dienstleistungen dennoch direkt und aktuell anzubieten. Dabei ersetzen die virtuellen Kontakte aber nicht die Beratung und Betreuung vor Ort. „Ganz wichtig ist, dass sich die Mitglieder nicht allein gelassen fühlen, immer einen Ansprechpartner haben.“

Was die tagtägliche Arbeit anbelangt, ist die Hauptprämisse der KH: Umfangreiche und vielfältige Dienstleistungen anzubieten und dabei besser zu sein, als andere Wettbewerber am Markt. „Das ist auch für die Mitarbeiter eine Vorgabe“, sagt Germroth. Schwerpunkt der Arbeit ist die Beratung und Betreuung der Betriebe, hauptsächlich in den Bereichen Arbeitsrecht, Betriebswertigkeiten und Rechtsberatung.

Deutlich gestiegen ist die Nachfrage nach finanztechnischer Beratung. Auch den Inkassodienst der KH nehmen die Betriebe immer öfter in Anspruch, was nicht zuletzt am guten Ruf liegt, „den wir uns erarbeitet haben“. Die Inkassostelle, so Germroth, genieße große Anerkennung im gesamten Landkreis. Grundlage der Arbeit sind Auskünfte über Lieferanten und Kunden. „Selbst die Banken greifen gerne auf dieses Wissen zurück.“ Der Hauptschwerpunkt liegt jedoch bei der Stärkung der Liquidität der Mitgliedsbetriebe, in dem deren offene Kunden-Rechnungen durch rechtliche Maßnahmen zu Geld gemacht werden. Weitere Themen, die viele Handwerksmeister bewegen, sind der Schutz vor Betrug und Schwarzarbeit. Auch auf diesen Gebieten ist die KH aktiv.

Für alle Versorgungsfragen von Inhabern und Mitarbeitern ist das bei der Kreishandwerkerschaft angesiedelte Versorgungswerk des norhess. Handwerks e. V. zuständig. Im Angebot sind Lebens- und Unfallversicherungen, Rechtsschutz- und Kfz-Versicherungen. Nach Übernahme der Geschäftsführung in 1997 konnte eine stetige Aufwärtsentwicklung verzeichnet werden. „Unser Versorgungswerk ist als Verein von den Handwerkern für die Handwerker vor weit über 30 Jahren gegründet worden und nicht als Türöffner von Versicherungen.“, so Germroth. Solche Einrichtungen sind in den letzten Jahren von Versicherungen gegründet worden, die lediglich den eigenen Vorteil suchten. Das Interesse des Handwerks wird dort nicht an erster Position gesehen. Um die Solidität des Versorgungswerkes und die Nähe zum Innungsmitglied noch zu steigern, sind Geschäftsstellen in den jeweiligen nordhessischen Kreishandwerkerschaften eingerichtet. Zeitnahe und günstige Versorgung über geschlossene Rahmenverträge sind unser einzigartiger Vorteil, der unser Versorgungswerk an die Spitze der handwerklichen nordhessischen Versorgungswerke gebracht hat. „Wir sind die Nr. 1“, so Geschäftsführer Germroth, „das kann man auch mit Blick auf die zurückliegenden Jahre mit Stolz behauten“. Auch heute wird das Versorgungswerk des nordhessischen Handwerks e. V. – Partner der Kreishandwerkerschaften- ehrenamtlich von aktiven Handwerkern geführt. Denn dort sind die Sensibilität und das Gespür für das Notwendige zu Hause. Die notwendige Absicherung, die Belange der Betriebe und Handwerker, weisen uns den Weg und nicht eine Versicherung, die den Marktanteil vergrößern will. Nach diesem Grundsatz verfährt man im Versorgungswerk des nordhessischen Handwerks e. V. – Partner der Kreishandwerkerschaften.

Ein weiteres Aufgabengebiet besteht in der Geschäftsführung des Ausbildungszentrums der Bauwirtschaft für den Werra-Meißner-Kreis im Werra-Meißner-Kreis. Auch dort werden Lehrgänge betreut. Die eigenständige Einrichtung, angesiedelt in Eschwege, betreut die Auszubildenden im Bauhauptgewerbe, im Rahmen der Stufenausbildung. Vier Mitarbeiter sind für alle anstehenden Aufgaben bestens ausgebildet. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Erwachsenenbildung im Bauhandwerk.

Natürlich darf der IT-Bereich bei den Dienstleistungen der KH nicht fehlen. Zum EDV-Angebot gehört die Anmeldung und Gestaltung von Internetseiten, sowie die Beratung und Einweisung in das Arbeiten mit dem PC, sowohl im Betrieb als auch in Seminaren. Ein großer Vorteil ist, dass die KH diese Leistungen kostengünstig und neutral anbieten kann. Das Beratungspaket umfasst die Hard- wie Software und reicht von der Hilfe vor Ort, inklusive Hotline, bis zum Aufbau kleinerer Netzwerke. Ein eigener EDV-Raum stützt die Aktivitäten in breiter Weise.

Das Angebot ist niederschwellig und deshalb viel gefragt, holt es doch die Betriebe da ab, wo sie stehen. Es umfasst Lehrgänge, die sich ebenso mit einzelnen Programmen als auch mit dem Internet beschäftigen. Für die Güte des EDV-Angebots spricht, dass es auch andere Kreishandwerkerschaften in Anspruch nehmen.

Das Spektrum des Fort- und Weiterbildungsangebots ist aber weit umfassender. Auf der Agenda stehen beispielsweise Seminare zur VOB, zur Betriebsführung, zum Arbeitsrecht, zum Umgang mit Banken, aber auch zu aktuellen Themen wie Rating, Schwarzarbeit und Photovoltaik.

Selbstverständlich ist die KH auch regional eingebunden, beispielsweise in die Wirtschaftsförderungsgesellschaft, die Werbegemeinschaft Eschwege und die Initiative Stadtmarketing, deren Geschäfte sie führt. Basis der Zusammenarbeit ist die Möglichkeit zur Einflussnahme im Sinne der Mitgliedsbetriebe, Interessenvertretung also. „Ziel ist, das Handwerk in der öffentlichen Wahrnehmung auf dem gleichen Rang zu positionieren wie andere Wirtschaftsbereiche.“ Im Ergebnis hat sich der Einfluss des Handwerks etabliert, ist die KH als Ansprechpartner präsent. Dazu setzt die KH nicht zuletzt auch auf eine starke Öffentlichkeitsarbeit.

Vor allem zwei Themen sind es, bei denen immer wieder Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit gefragt sind: Der Abbau des Fördergefälles und die Schaffung gleicher Wettbewerbsbedingungen zu den angrenzenden Nachbarländern sowie der Verkehrswegebau. Auf diese Probleme macht die KH mit öffentlichen Appellen aufmerksam, sucht aber auch das Gespräch mit den entsprechenden Bundestags- und Landtagsabgeordneten, sowie anderen Verantwortlichen.

Und trotz aller Unbillen ist die Verbindung zu den östlichen Nachbarn für die Kreishandwerkerschaft wichtig: „Wir möchten einen guten Kontakt, denn der Kreis hat eine lange Nahtstelle zu Thüringen.“ Deshalb arbeit man seit 1989 mit den Handwerksorganisationen im Kreis Unstruth-Kyffhäuser und Eisenach zusammen. Denn nur mit gelebten Vertrauen und gebotenen Respekt ist eine kontinuierliche Zusammenarbeit in dem Wirtschaftsraum Mühlhausen, Eisenach, Eschwege möglich. Abgrenzung hilft keinem, das musste man Jahrzehnte lang erfahren.  Längst sind auf diesem Weg persönliche Freundschaften entstanden.

Im Bereich des Verkehrswegebaus ist der Bau der A 44 ein Dauerbrenner. Aber auch den Ausbau der B 27 hat die KH auf der Agenda. Dabei geht es um die mangelhafte Nord-Süd-Verbindung von Göttingen über Hersfeld und Fulda. Mindestens eine vierspurige Autostraße mit Ortsumgehungen ist dabei notwendig, um den Werra-Meißner-Kreis weiterhin wirtschaftlich zu erschließen.

Auch die Schließung mittlerer Industriebetriebe macht dem Handwerk zu schaffen, denn auch so brechen den Betrieben Märkte weg. Eine weitere erhebliche wirtschaftliche Schwächung wird der Werra-Meißner-Kreis durch die Schließung der Bundeswehrstandorte Hess. Lichtenau und Sontra erfahren. Hier wirbt Germroth für die Einrichtung von Gewerbegebieten, die vor allem in Verbindung mit dem dringend benötigten Ausbau der Verkehrswege für einen Aufschwung sorgen könnten.

Eine grundlegende Trendwende in Werra-Meißner sieht Germroth, wenn der Kreis und seine engsten Nachbarn, das südliche Eichsfeld, Ost-Thüringen, das Werratal mit dem Meißner, sich als einen Wirtschaftsraum begreifen.

Die Geschäftsstelle der KH: Haus und Grundstück in der Bismarckstraße sind seit 1954 im Besitz der Kreishandwerkerschaft. Die Entscheidung, die Immobilie in Eschwege zu kaufen, fiel in der Amtszeit von Kreishandwerkmeister Kurt Quentin.

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